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Der Pfaff

von Ing. Christian Halbritter

Der Pfaff von Kalenberg, unser wohl berühmtester Pfarrer. Gundaker von Thernberg (Wigand von Theben) ist um 1300 auf dem Schloss Thernberg - heute Burgruine - südlich von Wr. Neustadt in der Buckligen Welt geboren. Aller Vermutungen nach war Gundakers Vater tot, möglicherweise lebte auch sein Bruder Ulrich nicht mehr, als Gundaker erwachsen wurde. Burg und Herrschaft waren nicht mehr im Besitz der Familie – es lag für Gundaker nahe, Geistlicher zu werden, falls ihm dieser Weg als drittem Sohn nicht ohnehin schon vorgezeichnet gewesen war. Gundakers erste Pfarre dürfte Kirchberg am Wechsel gewesen sein. Einige Jahre vor 1330 wurde Gundaker Pfarrer im Kahlenbergerdorf, wobei der Babenberger Herzog Otto der Fröhliche, der in der Burg auf dem heutigen Leopoldsberg residierte, bei der Pfarrbesetzung wesentlich mitgespielt hat. Gundaker war neben seiner Tätigkeit als Pfarrer Spaßmacher/Hofnarr bei Otto dem Fröhlichen und beim Bischof von Passau (Wien gehörte damals zur Diözese Passau.) Nach dem Tod von Herzog Otto im Jahre 1339 wurde Gundaker Pfarrer in Prigglitz bei Gloggnitz. Sein Todesjahr dürfte 1349 gewesen sein. Möglicherweise ist er an der Pest gestorben. Sein Leichnam ruht nicht in der von ihm gewünschten und errichteten Grabstelle in der Stiftskirche zu Lilienfeld sondern in Prigglitz. Möglicherweise wollten die Prigglitzer Bauern auf keinen Fall einen Pesttoten durch das Höllental und dann weiter über Berge nach Lilienfeld geleiten aus Angst vor einer Ansteckungsgefahr.

Neueste Forschungen kamen zum Ergebnis, dass der „Pfaff vom Kahlenberg“ Gundaker von Thernberg und nicht Wigand von Theben war – mit dem kleinen Vorbehalt, dass Gundaker mit dem Zweitnamen Wigand hieß. Bücher älteren Datums - erschienen vor 2007 - sind daher bezüglich der Zuordnung meines berühmten Vorgängers als Pfarrer vom Kahlenbergerdorf mit Vorsicht und vielen Fragezeichen zu lesen.

Der Pfaffe von Kahlenberg zeigt sich durch den ganzen Schwankroman (30 Schwänke) hindurch als weiser Narr, der genau wusste, was er will. Er hat das Wohl der Menschen im Sinn und auch ihre Besserung. Um dies zu erreichen, wählte er die ungewöhnlichen Mittel der Narrheit. Er ist Pfarrer aus Leib und Seele und bisweilen sollte er eben auch den Hofnarren, um den Herzog, den er schätzte, und den Bischof von Passau einen Gefallen zu tun. Sein Machtstreben ist nicht zu unterschätzen, aber auch seine intellektuelle Überlegenheit allen seinen Schwankpartnern gegenüber nicht, sei es sein höchster geistlicher Vorgesetzter, der Bischof von Passau, die herzögliche Familie Ottos des Fröhlichen oder der ärmste Taglöhner im Kahlenbergerdorf. Der Pfaffe von Kalenberg ist ein äußerst individueller Charakter, der Bauernschläue, Witz und Intelligenz zeigt und in den verschiedensten Kontexten auf ganz unterschiedliche Weise handelt: Im Dorf ist er der fast gottähnliche gute Hirte, seinen geistlichen Amtsbrüdern und Vorgesetzten erscheint er als strenger Richter, während er am Herzogshof Ottos des Fröhlichen zwar als Hofnarr, aber auch als gleichwertiger Widerpart fungiert, der zwar vom Rang her unter dem Herzog steht, ihm aber intellektuell überlegen ist. Er ist Narr und Pfarrer in einer Person; ein Pfarrer, in dem ein Narr steckt, und gleichzeitig ein weiser Narr, der nie vergisst, dass er ein Geistlicher ist.

Als letzten Schwank der „Geschicht und histori des pfaffen von Kalenberg“ wird der Schwank vom Viehüten im Messgewand erzählt: Jetzt hat der Pfaffe sein Haus bestellt, im Dorf ist alles in bester Ordnung, in seinem Verhältnis zum Herzog ebenso, und unter den Klerikern hat er deutlich tabula rasa gemacht. Der Pfaffe von Kalenberg hat keinerlei Verkleidung, kein Accessoire, keine Finten mehr nötig – er zeigt nur noch was er ist: „ Ich bin der gute Hirte.“ Was auf den ersten Blick parodieverdächtig scheint, ist eine schlichte Demonstration seines Seins: Er hat alles erreicht, was er erreichen wollte und konnte; jetzt kann er das Kahlenbergerdorf verlassen und anderswo neu anfangen.

 


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